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Ukrainische Boeing 737 mit über 170 Personen an Bord bei Teheran abgestürzt – Iran geht von technischen Problemen aus | NZZ

Beim Absturz eines Flugzeugs vom Typ Boeing 737 bei Teheran sind über 170 Personen ums Leben gekommen, unter ihnen vor allem Iraner, aber auch zahlreiche Kanadier und Europäer. Es ist unklar, ob das Ereignis im Zusammenhang mit der Eskalation zwischen d

Beim Absturz eines Flugzeugs vom Typ Boeing 737 bei Teheran sind über 170 Personen ums Leben gekommen, unter ihnen vor allem Iraner, aber auch zahlreiche Kanadier und Europäer. Es ist unklar, ob das Ereignis im Zusammenhang mit der Eskalation zwischen den USA und Iran steht. 

Trümmer des ukrainischen Passagierflugzeugs bedecken ein Feld in einem Vorort von Teheran. Laut Medienberichten kamen alle Menschen an Bord der Boeing 737 ums Leben.
Trümmer des ukrainischen Passagierflugzeugs bedecken ein Feld in einem Vorort von Teheran. Laut Medienberichten kamen alle Menschen an Bord der Boeing 737 ums Leben.

Ruhollah Vahdati / EPA

Eine Boeing 737 der ukrainischen Fluggesellschaft MAU, die von Teheran nach Kiew hätte fliegen sollen, ist am Mittwochmorgen wenige Minuten nach dem Start vom Imam-Khomeiny-Flughafen in Teheran abgestürzt. Auf einem auf Twitter veröffentlichten Video ist ein brennendes Flugzeug zu sehen und ein paar Sekunden später eine enorme Explosion. Fotos vom Unglücksort zeigten ein Bild der Verwüstung. Vom Flugzeug waren nur wenige verkohlte Teile übrig. Alle 169 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder an Bord kamen ums Leben.

Die meisten Opfer sind Iraner

Unter den Todesopfern sind nach Angaben des ukrainischen Aussenministeriums 82 Iraner, 63 Kanadier und 11 Ukrainer. Auch vereinzelte afghanische, schwedische und britische Staatsbürger seien betroffen. Bei einer Mehrheit der Opfer handelt es sich vermutlich um Doppelbürger. Auf der von der Fluggesellschaft veröffentlichten Passagierliste stehen fast nur iranische Namen.

Laut einem Sprecher der iranischen Luftfahrtbehörde wurde der Flugdatenschreiber der Unglücksmaschine bereits im Laufe des Morgens gefunden. Er werde von Experten der Behörde untersucht, um Hinweise auf die Absturzursache zu finden. Das iranische Staatsfernsehen sprach von technischen Problemen, ohne auf Details einzugehen.

Bis Mittwochabend konnten Gerüchte, wonach der Flugzeugabsturz mit der jüngsten Eskalation zwischen Iran und den USA zusammenhängen könnte, nicht ausgeräumt werden. Wenige Stunden vor dem Unglück hatte Iran zwei amerikanische Militärstützpunkte im Irak mit Raketen beschossen. Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA hatte in den USA registrierten Flugzeugen daraufhin die Nutzung des Luftraums über dem Persischen Golf, dem Golf von Oman, dem Irak und Iran untersagt – «wegen erhöhter militärischer Aktivitäten und steigender politischer Spannungen», wie es in einer Mitteilung hiess. Es bestehe ein erhöhtes Risiko, dass ein Flugobjekt falsch identifiziert werde.

Sollte sich die Theorie eines technischen Problems bestätigen, wird der Druck auf Boeing weiter steigen. Die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Flugzeugherstellers hat durch zwei Abstürze von Boeing-737-Max-Jets, die insgesamt 346 Menschen das Leben gekostet hatten, bereits schwer gelitten. Im März wurde der Flugzeugtyp wegen Sicherheitsrisiken weltweit aus dem Verkehr genommen. Bei der Boeing 737-800 waren bisher allerdings keine Probleme bekannt gewesen.

#Breaking First footage of the Ukrainian airplane while on fire falling near #Tehran pic.twitter.com/kGxnBb7f1q

— Ali Hashem علي هاشم (@alihashem_tv) January 8, 2020

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski brach aufgrund der Ereignisse einen Besuch in Oman ab und kehrte nach Kiew zurück. Man bemühe sich darum, die Hintergründe des Absturzes zu klären, sagte er und sprach den Angehörigen der verunglückten Passagiere und Crewmitglieder sein Beileid aus. Die Fluggesellsachft MAU wird vom Oligarchen Igor Kolomoiski kontrolliert, dem eine Nähe zu Selenski nachgesagt wird.

Zweifel an offizieller Version

Der ukrainische Präsident warnte vor «Spekulationen» und vor der «Verbreitung von Theorien» über die Absturzursache. Die ukrainische Botschaft in Teheran erklärte weiter, ein «Terrorakt» könne nach ersten Erkenntnissen ausgeschlossen werden. Trotzdem scheint es auf ukrainischer Seite Zweifel an der offiziellen iranischen Version des Unglücks zu geben – auch wenn diese nicht offen ausgesprochen werden.

Der Chef der Fluggesellschaft beteuerte an einer Pressekonferenz in Kiew, es habe keinerlei Hinweise auf technische Schwierigkeiten gegeben. Die betroffene Maschine sei erst 2016 in Betrieb genommen und am 6. Januar zum letzten Mal gewartet worden. Die Besatzung an Bord sei sehr erfahren gewesen – und menschliches Versagen schwer vorstellbar. Der MAU-Chef gab bekannt, dass die Fluggesellschaft die Verbindung nach Teheran ab sofort auf unbestimmte Zeit einstellen werde. Selenski ordnete derweil eigene Ermittlungen zum Unglück an. Die Ukraine entsandte noch am Mittwoch ein Experten-Team nach Iran.

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