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Goldene Palme für Horrorfilm »Titane": Spike Lee stürzt Preisvergabe ins Chaos

Historischer Abend in Cannes: Erst stellt Jurypräsident Spike Lee durch einen riesigen Fauxpas die Gala auf den Kopf. Dann gewinnt mit Julia Ducournau zum ersten Mal eine Frau allein die Goldene Palme.

Mit einer Gala, deren Verlauf wohl die wenigsten zuvor erahnt hätten, sind die 74. Filmfestspiele von Cannes zu Ende gegangen. Die Goldene Palme ging an den Horrorfilm »Titane« der Französin Julia Ducournau. Zum ersten Mal in der Geschichte des Filmfestivals hat damit eine Regisseurin den Hauptpreis allein gewonnen – 1993 hatte die Neuseeländerin Jane Campion die Auszeichnung noch mit Chen Kaige teilen müssen.

Eigentlich der traditionelle Höhepunkt der Preisgala, war die Verkündung der Goldenen Palme durch Jurypräsident Spike Lee auf den Kopf gestellt worden: Auf Bitten von Moderatorin Doria Tillier hin, den ersten Preis des Abends zu verkünden, gab Lee sofort den Hauptpreis bekannt. Er schien den ersten Platz mit dem ersten Preis verwechselt zu haben.

Kurz herrschte Verwirrung im Grand Thêatre Lumière in Cannes, ob es sich dabei womöglich um einen Scherz gehandelt hatte. Doch dann versuchten Tillier, Lee und der Rest der Jury, die Preise zu vergeben, als wäre noch nichts verraten worden – und machten so klar, dass Ducournau wirklich die große Siegerin des Abends sein würde. Unter Tränen nahm die 37-Jährige schließlich, als sie offiziell zur Gewinnerin der Goldenen Palme ausgerufen worden war, den Preis entgegen.

»Titane«, der erst zweite Spielfilm der Französin, dreht sich um eine Frau, die als Kind ein Titanium-Implantat im Kopf erhalten hat. Wie sich im Verlauf ihres wilden und von Gewalt geprägten Lebens zeigt, scheint sie dadurch zu einem Mischwesen geworden zu sein, das die Grenzen des Menschseins sprengt und auch nicht mehr auf ein Geschlecht festzulegen ist. Angelegt als Horrorfilm mit vielen expliziten Gewaltszenen ist »Titane« die sicherlich gewagteste Goldene Palme der letzten Jahrzehnte. Ducournau dankte der Jury dafür, ein Kino ausgezeichnet zu haben, das inklusiver und fluider sei.

Auch bei den weiteren Preisen zeigte sich, dass die Jury eine möglichst große Bandbreite filmischen Schaffens auszeichnen wollte. Zweimal wurden Preise aufgeteilt: So ging der Jurypreis, gewissermaßen der dritte Platz, sowohl an den Israeli Nadav Lapid (»Ahned's Knee«) als auch an den Thailänder Apichatpong Weerasethakul (»Memoria«). Ex-Aequo mussten sich der Iraner Asghar Farhadi (»A Hero«) und der Finne Juho Kuosmanen (»Compartment No. 6«) den Großen Preis der Jury, den zweiten Platz, teilen.

Für das beste Drehbuch wurde der Japaner Ryusuke Hamaguchi mit seiner Adaption einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami ausgezeichnet – nach dem Silbernen Bären bei der Berlinale 2021 schon der zweite große Preis für den japanischen Regisseur und Autor in diesem Jahr. Der Preis für die beste Regie blieb dann in Frankreich: Leos Carax gewann für seinen Eröffnungsfilm »Annette«, den er auf Grundlage eines Konzeptalbums der Pop-Band Sparks gedreht hatte. Die Musiker nahmen den Preis stellvertretend für Carax entgegen, der nicht anwesend war.

Der Preis für den besten männlichen Darsteller ging an den US-Schauspieler Caleb Landry Jones für seine Rolle als junger Mann mit Borderlinesyndrom in dem australischen Film »Nitram«. Als beste weibliche Darstellerin wurde die Norwegerin Renate Reinsve für ihre Rolle in der melancholischen Beziehungskomödie »The Worst Person in the World« des norwegischen Regisseurs Joachim Trier ausgezeichnet. Mit der Goldenen Ehrenpalme war bereits zu Beginn des Festivals die zweifache Oscar-Gewinnerin Jodie Foster aus den USA geehrt worden. Die zweite Ehrenpalme ging zum Abschluss an den italienischen Regisseur Marco Bellochio.

In diesem Jahr standen 24 Filme an der Côte d'Azur im Wettbewerb, bei vier von ihnen führten Frauen Regie. Neben Spike Lee entschieden unter anderen noch Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal, die Regisseurinnen Jessica Hausner sowie die Schauspieler Tahar Ramin und Song Kang-Ho über die Palmen. Song ist der Hauptdarsteller von »Parasite«, der 2019 die Goldene Palme erhielt und später auch mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.

Ob »Titane« ein ähnlicher Triumph vergönnt ist, ist aufgrund seiner schockierenden Gewaltszenen fraglich. Die Neugier auf Ducournau und ihren außergewöhnlichen Film, der bei seiner Premiere schon die internationale Kritik begeistert hatte, dürfte durch die Goldene Palme aber nochmals gewachsen sein.

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