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ITER - der teure Traum von der Kernfusion

Im französischen Cadarache wird ein Testreaktor für die Kernfusion gebaut. Das internationale Milliardenprojekt ITER stand zwischenzeitlich vor dem Aus, inzwischen wird aber gebaut. Martin Bohne war vor Ort.

Im französischen Cadarache wird ein Testreaktor für die Kernfusion gebaut. Das internationale Milliardenprojekt ITER stand zwischenzeitlich vor dem Aus, inzwischen wird aber gebaut.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris, zzt. in Cadarache

Alle Gebäude stehen bereits auf dem weitläufigen ITER-Gelände - auch die riesige Reaktorhalle. Kirsten Haupt zeigt von oben in die Grube aus Stahlbeton, in die der Reaktor hineingebaut wird: "Das ist das Innere, praktisch das Zentrum, wo alles mal passieren wird. Wir stehen hier direkt am Rand des Beton-Schutzschilds."

Die Struktur wird 30 Meter hoch, am Boden ist der untere Teil des Kryostaten zu erahnen. Kryostat ist die Bezeichnung für die Hochvakuum-Druckkammer, die den Reaktorkern umschließt und ihn kühlen soll. Dort werden einmal Temperaturen nah am absoluten Nullpunkt herrschen.

Ein großes Puzzle

Ende Mai war die mehr als 1000 Tonnen schwere Bodenplatte des Kryostaten in die Betongrube eingelassen worden. Auch für Kirsten Haupt war dies atemberaubend: "Die Operation wurde zu einer Toleranz von drei Millimetern durchgeführt. Das ist mitunter unvorstellbar. Und es ist alles gut gegangen."

Das Einsetzen der Bodenplatte war der erste Schritt der Montage des ITER-Testreaktors. In den nächsten Jahren müssen die anderen Reaktorteile wie in einem Puzzle zusammengesetzt werden.

Prozesse wie im Inneren der Sonne

Im Innersten liegt die Brennkammer, in der Form vergleichbar mit einem liegenden geschlossenen Reifen. Darin zirkuliert ein auf rund 150 Millionen Grad Celsius erhitztes Wasserstoffplasma. Superstarke Magnete sorgen dafür, das die Teilchen von den Wänden ferngehalten und beschleunigt werden. In der Brennkammer laufen dann im Prinzip die gleichen Prozesse ab wie im Inneren der Sonne. Das Plasma ist so heiß, dass die Wasserstoffatomkerne ihre Abstoßung überwinden und zu Helium verschmelzen. Dabei werden sehr energiereiche Neutronen freigesetzt. Diese Energie wird genutzt - so der Plan - um Wasser zu erhitzen. Der dabei entstehende Dampf treibt Turbinen an.

Aber das wird in Cadarache noch nicht passieren. ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) ist nur ein Testreaktor, in dem nachgewiesen werden soll, dass die Kernfusion technisch beherrschbar ist und tatsächlich so viel Energie gewonnen werden kann, wie von den ITER-Forschern berechnet.

ITER stand 2015 auf der Kippe

Dass überhaupt mit der Montage des ITER-Reaktors begonnen werden konnte, ist ein Verdienst Bernard Bigots. Als Bigot 2015 von den sieben Vertragspartnern, darunter die EU, die USA, Russland und China, zum Generaldirektor berufen wurde, stand das Projekt vor dem Aus: Die Kosten waren völlig aus dem Ruder gelaufen, der Zeitplan Makulatur, die Organisationsstruktur chaotisch. Bigot brachte ITER wieder auf den Weg.

Er versichert, voll auf Kurs für die Fertigstellung des Reaktors bis Ende 2025 zu sein. Dann soll der Probebetrieb beginnen, zehn Jahre später der Normalbetrieb. Und dann folgt der entscheidende Schritt: der Übergang zur industriellen Nutzung.

Geduld ist gefragt
Bernard Bigot spricht auf der ITER-Baustelle. | Bildquelle: AP

Der ITER-Generaldirektor blickt weit in die Zukunft: "Meine Hoffnung ist, dass um die Jahre 2050 bis 2055 - also gut ein Jahrzehnt nachdem wir mit ITER die Machbarkeit nachgewiesen haben - die Kernfusion anfängt, ihren Anteil an der Energieversorgung der Menschheit zu leisten."

Selbst das halten nicht wenige für Zweckoptimismus. Die Hauptkritik an ITER ist, dass jetzt viele Milliarden Euro für ein Projekt ausgegeben werden, dass auf absehbare Zeit nichts zu Lösung der akuten Klimaprobleme beitragen kann. Bigot geht allein für die Bauphase von 20 Milliarden Euro aus.

Bigot hofft auf beständige und saubere Energie

Kritiker meinen, dass alle Kraft auf die Entwicklung der Erneuerbaren Energien konzentriert werden müsse. "Natürlich gibt es die Erneuerbaren Energien. Und die sollte man auch maximal entwickeln und nutzen", sagt auch der ITER-Generaldirektor. "Aber meine tiefe Überzeugung ist, dass wir uns nicht allein auf Wind, Sonne und Wasserkraft verlassen können. Wir brauchen eine Ergänzung, eine Energieform, die beständig und in großem Umfang produziert werden kann. Der große Vorteil der Kernfusion ist, dass sie keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima hat. Die potenziellen Vorteile sind so beträchtlich, dass es meiner Meinung nach Sinn macht, Geduld aufzubringen."

Jetzt ist dem 70-jährigen Franzosen erst einmal zum Feiern zumute. Die Montage des Reaktors hat begonnen. Die Erde ist der Sonne ein winziges Stück näher gekommen.

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