Aufregerthemen Schliessen

Harvey Weinstein: Prozess gegen Ex-Filmmogul startet

Der Fall Harvey Weinstein erschütterte Ende 2017 Hollywood und löste die weltweite #MeToo-Bewegung aus. Seit Montag läuft die Aufarbeitung vor Gericht in New York – und auch in Los Angeles wurde Anklage erhoben.

Der Fall Harvey Weinstein erschütterte Ende 2017 Hollywood und löste die weltweite #MeToo-Bewegung aus. Seit Montag läuft die Aufarbeitung vor Gericht in New York – und auch in Los Angeles wurde Anklage erhoben. 

Harvey Weinstein verlässt das Gericht in New York.
Harvey Weinstein verlässt das Gericht in New York.

Seth Wenig / AP

Mehr als zwei Jahre nach Bekanntwerden des Vorwurfs sexueller Übergriffe gegen Harvey Weinstein ist am Montag (6. Januar) um 15 Uhr 30 (MEZ) in New York der mit grosser Spannung erwartete Prozess gegen den früheren Hollywood-Mogul gestartet. Der 67-Jährige erschien dazu in schwarzem Anzug und Krawatte gestützt auf einer Gehilfe. Vor dem Gericht warteten bereits zahlreiche Frauen, die Weinstein Übergriffe vorwerfen, unter anderen die Schauspielerin Rosanna Arquette.

Neben dem Prozess in New York wird sich Weinstein auch in Kalifornien vor Gericht verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft in Los Angeles teilte am Montag mit, dass in zwei Fällen Anklage wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung erhoben wurde. Die Vorwürfe stammen von zwei nicht namentlich genannten Frauen. Laut der Staatsanwaltschaft wurden sie im Jahr 2013 in Hotels in Beverly Hills Opfer von Übergriffen. Im Falle einer Verurteilung drohen Weinstein bis zu 28 Jahre Haft.

Am ersten Prozesstag in New York wollte Richter James Burke zunächst gerichtliche Formalitäten erledigen. Voraussichtlich am Dienstag soll mit der Jury-Auswahl begonnen werden. Bei einem so schlagzeilenträchtigen Prozess könnte dies mehrere Tage dauern – einige Beobachter gehen sogar von bis zu zwei Wochen aus. Der gesamte Prozess dürfte sich über mindestens sechs Wochen hinziehen.

Doch wie lauten die Anklagepunkte im Prozess am Obersten Gericht des amerikanischen Gliedstaates New York gegen Weinstein? Und welches Urteil wird erwartet?

Die wichtigsten Antworten zum Prozess im Überblick:

Weinstein ist wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Mehr als achtzig Frauen, unter ihnen bekannte Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd, Uma Thurman oder Salma Hayek, haben Weinstein in den vergangenen Jahren sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Viele von ihnen wurden als Zuschauerinnen im Gericht erwartet.

Da viele Fälle verjährt sind oder nicht zur Anzeige gebracht wurden, dreht sich der Prozess aber nur um die Vorwürfe von zwei Frauen. Eine von ihnen, eine ehemalige Produktionsassistentin der Weinstein Company, soll vom ehemaligen Hollywood-Mogul im Jahr 2006 zum Oralsex gezwungen worden sein. Die andere Frau, deren Identität nicht öffentlich bekannt ist, soll er 2013 vergewaltigt haben.

Dem 67-Jährigen droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. Bei einem Schuldspruch könnte Weinstein in Berufung gehen.

Weinstein selbst gab zwar Fehler zu, streitet die Vorwürfe jedoch ab. Vor Gericht plädiert er auf nicht schuldig. Der Multimillionär hat immer wieder betont, sämtliche Handlungen seien einvernehmlich gewesen.

Über seine Anwältin Donna Rotunno liess er kürzlich verlauten, dass er sich auf seinen Prozess freue. Nun könne er sich von den Vorwürfen reinwaschen.

Auch wenn der Fall 2017 die #MeToo-Ära einläutete, ist der Ausgang völlig offen. Entscheidend wird sein, ob der Fall auch vor einem Strafgericht bestehen kann. Die Staatsanwälte müssen juristisch beweisen, dass Weinstein sich der Vergewaltigung, krimineller sexueller Handlungen und räuberischer sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat. Der Schlüssel für beide Seiten ist, die Jury für sich zu gewinnen. Sie allein entscheidet über Schuld oder Unschuld Weinsteins.

Weinsteins Anwältin kündigte eine aggressive Verteidigung für ihren Mandanten an. «Nur weil jemand etwas behauptet, macht es das noch nicht wahr», sagte sie. Sie sieht ihren Mandanten als Opfer einer männerfeindlichen Überreaktion: «Frauen sind verantwortlich für die Entscheidungen, die sie treffen.» Gegenüber der Nachrichtenagentur DPA sagte Daniel Richman, Juraprofessor an der Columbia-Universität in New York, dass es für das Weinstein-Lager darauf ankomme, Zweifel zu säen. «Generell sieht man in Fällen wie diesen Versuche, die Erinnerung von Zeugen anzugreifen oder nahezulegen, dass sie ein Motiv haben, sich Dinge auszudenken.»

Das Ziel der Anklage dürfte hingegen sein zu zeigen, dass die Frauen glaubhaft von Dingen berichteten, die passiert seien, obwohl Erinnerungen verschwommen sein könnten, so Richman weiter.

Vor Gericht dürfte aber auch die Frage aufkommen, warum die Frauen mit ihren Vorwürfen nicht früher an die Öffentlichkeit gegangen sind. Auch der Gesundheitszustand Weinsteins dürfte im Prozess eine Rolle spielen. Jüngst kam der 67-Jährige nach einem Autounfall mit Gehhilfe zu den Anhörungen.

Die Anschuldigungen gegen Weinstein waren in Hollywood jahrelang ein offenes Geheimnis. Doch erst im Herbst 2017 wurden sie durch die «New York Times» und das Magazin «New Yorker» weltweit bekannt. Die später mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Artikel lösten die weltweite #MeToo-Bewegung aus. Denn die Vorwürfe gegen Weinstein ergaben ein Muster: Der schwerreiche Filmproduzent, der die Branche dominierte und für Filme wie «Pulp Fiction» unter anderem mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, soll seine Macht gezielt ausgenutzt haben, um junge Frauen gefügig zu machen. Im Gegenzug soll er ihnen die grosse Karriere versprochen haben.

Überall auf der Welt erkannten nach den ersten Weinstein-Enthüllungen deshalb Frauen und auch Männer ihre eigenen Erfahrungen in denen der mutmasslichen Weinstein-Opfer wieder und begannen, sie in den sozialen Netzwerken unter dem Schlagwort «MeToo» öffentlich zu machen. Das Spektrum der Vorwürfe war dabei gross und reichte von anzüglichen Sprüchen und unflätigem Verhalten über Machtmissbrauch bis hin zu jahrelanger (sexueller) Gewalt.

Beim Prozess geht es deshalb um mehr als nur um Gerechtigkeit für Weinsteins mutmassliche Opfer. Für viele wird in New York nicht nur über den Multimillionär Gericht gehalten, sondern über ein Muster männlichen Machtmissbrauchs. Das Strafverfahren gilt als das bedeutsamste seit Beginn der #MeToo-Bewegung.

Allerdings gibt es auch Kritik an der Bewegung. So wird vor allem der Umstand moniert, dass Männer wie Weinstein aufgrund von Vorwürfen von der Gesellschaft vorverurteilt werden, noch bevor ihre tatsächliche Schuld gerichtlich erwiesen wurde. Auch das Bild der Frau als hilfloses Wesen wird kritisiert.

Nebst dem nun im Zentrum der Öffentlichkeit stehenden Strafverfahren gegen Weinstein mündeten viele andere Vorwürfe in Dutzenden von Zivilprozessen. Diese sollen nun mit einem Vergleich enden, der Weinstein allerdings finanziell begünstigt. So haben sich Weinstein und der Vorstand seines insolventen Filmstudios laut einem Bericht der «New York Times» mit mehr als dreissig Frauen auf einen vorläufigen Vergleich mit einer Zahlung von insgesamt 25 Millionen Dollar geeinigt.

Weinstein wurde in dem Vergleich allerdings nicht verpflichtet, Fehlverhalten einzugestehen. Die Zahlung übernimmt der Multimillionär ebenfalls nicht selbst, sondern sie wird durch die Versicherungen seines ehemaligen insolventen Filmstudios geleistet. Die Klägerinnen und das zuständige Konkursgericht müssen dem Vergleich allerdings noch zustimmen.

Weinstein selbst wurde im Mai 2018 wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung von der New Yorker Polizei verhaftet, nachdem er sich selbst gestellt hatte. Das zuständige Gericht liess ihn gegen Kautionsauflagen mit elektronischer Fussfessel wieder frei. Als Teil der Auflagen musste er allerdings seinen Pass abgeben, und er darf die amerikanischen Gliedstaaten New York und Connecticut nur mit Erlaubnis des Gerichts verlassen.

Bei einem Freispruch könnte er sich zwar wieder frei bewegen, sein Name dürfte deshalb aber noch lange nicht reingewaschen sein. Denn in Hollywood ist Weinstein seit Bekanntwerden der Vorwürfe zur Persona non grata geworden. Seine Produktionsfirma existiert nicht mehr. Im Oktober 2017 wurde er aus der Oscar-Akademie ausgeschlossen.

Wie auch immer der Prozess also ausgeht: Dass Weinstein in Hollywood wieder an alte Erfolge anknüpfen kann, gilt auch bei einem Freispruch als nahezu ausgeschlossen.

Mit Agenturmaterial.

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