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Handball-EM: Der fliegende Gensheimer

Der Kapitän Uwe Gensheimer muss mit Rot runter. Trotzdem gewinnt Deutschland gegen die Niederlande. Der beste Spieler aber kommt vom Gegner. So lief das erste EM-Spiel.
Wie ging es aus?

Vorrunde, Gruppe C: Deutschland – Niederlande 34:23 (15:13)

Wie lief das Spiel?

40 Minuten lang sehr zäh, ein typisches Auftaktspiel eben. Das deutsche Team, das als Kandidat für das Halbfinale und noch mehr gilt, gegen den EM-Neuling. Solche Spiele werden schnell unangenehm, wenn der Favorit zaudert und zögert. Zwar zog die Nationalmannschaft bis zur 15. Minute auf fünf Tore Vorsprung davon, doch nach der roten Karte gegen Kapitän Uwe Gensheimer gelang plötzlich kaum noch etwas, Torhüter Andreas Wolff sah "Auflösungserscheinungen in der Abwehr." Die Niederländer verkürzten mit ihren schnellen Angriffen nach deutschen Ballverlusten bis zur Pause auf nur zwei Tore Abstand, auch weil der Bundestrainer Christian Prokop viel wechselte: 14 der 16 Spieler standen in der ersten Hälfte schon auf dem Feld. Unruhe kam auf.

Die zweite Hälfte begann erneut mit einem leichtsinnigen Fehler im Angriff und einer Zeitstrafe gegen Deutschland, die Niederländer erhielten die Chance auf den Ausgleich. Doch sie ließen sie liegen und es begann die Zeit von Torhüter Wolff, der mit seinen Paraden den Sieg einleitete. Deutschland zog davon, weil das Spiel an den Kreis nun besser funktionierte: Kai Häfner auf Jannick Kohlbacher, so viel Vertrauen wie in den Pässen zwischen den beiden herrscht in mancher Ehe nicht. Mit je fünf Treffern waren sie die besten Schützen im deutschen Team. Die elf Tore Abstand am Ende sehen deutlicher aus, als das Spiel verlief.

Was war die Szene des Spiels?

Die rote Karte gegen Gensheimer. Schon den ersten Siebenmeter hatte er verworfen. Den zweiten wollte er rechts am Torhüter vorbeiwerfen und spekulierte dabei darauf, dass der sich bewegen würde, wenn er antäuscht. Doch Bart Ravensberg machte keinen Mucks, Gensheimer warf ihn in der 15. Minute an den Kopf. Rot gegen Holland, dieses Mal nicht fürs Spucken. Eine harte, wenn auch vertretbare Entscheidung, die alle Beteiligten akzeptierten, gar explizit hervorhoben: "Wenn es der Videobeweis ja zeigt", sagte etwa Teammanger Oliver Roggisch. Applaus für den VAR, das kommt einem komisch vor. Gensheimer saß fortan auf der Tribüne. Und hätte sich eine unserer digitalen Klatschpappen greifen können.

Was hat schon gut funktioniert?

Die Torhüter. Es ist ohnehin eine Position, die in kaum einem anderen Team bei dieser EM so stark doppelt besetzt ist. Beide deutschen Keeper, Andreas Wolff und Jogi Bitter, hatten im ersten Spiel eine Quote von 40 Prozent gehaltener Bälle. Wolff quittierte den letzten Treffer der Niederländer vor der Pause sitzend mit wütenden Schlägen auf den Hallenboden, weil er sich über seine Abwehr ärgerte. Seine Paraden ebneten dann aber den Weg zum Sieg. Und Bitter kam rein und hielt direkt den ersten Ball. Mit 37 Jahren wirkt er in diesem rasanten Sport so ruhig und abgeklärt wie kein Zweiter auf dem Feld. So einem wie Bitter würde man auch einen Ferrari geben, um ihn rückwärts-seitwärts in eine zu kleine Lücke einzuparken. Wenn man denn einen hätte.

Wer war Spieler des Spiels?

Luc Steins. In einer Auszeit warnte der Bundestrainer Christian Prokop seine Spieler, "den Steins nicht ins Gesicht zu fassen." Der 24-Jährige, der in Toulouse spielt, ist nur 1,72 Meter groß und war meistens zu flink für die deutsche Abwehr. Jeden falschen Schritt der Gegner nutzte der Niederländer aus, um hindurch zu schlüpfen. "Er hat einen niedrigen Schwerpunkt", sagte Prokop nach dem Spiel, "dagegen tun wir uns schwer". Die deutschen Abwehrspieler überragen Steins um fast 30 Zentimeter, sie müssen ihre eigene Hüfte verteidigen, wenn sie ihn ordentlich decken wollen. Steins warf sechs Tore und über 200 Pässe in diesem Spiel, alleine in den ersten zehn Minuten waren es mehr als 50. Keiner war auffälliger. "Wir haben sie genug geärgert", sagte er anschließend und grinste.

Was war der Dialog des Spiels?

"Ähh, wie heißt du?""Timo!"(Bundestrainer Christian Prokop musste in einer Auszeit fragen wer EM-Debütant Timo Kastening ist.)

Wie geht es weiter?

Am Samstag gegen die Spanier. Gleiche Uhrzeit, schwieriger Gegner: Die Spanier sind Titelverteidiger und das Ergebnis des Spiels wird bereits wichtig für die Hauptrunde, da Deutschland und Spanien wohl beide in diese einziehen werden.

Was war der Treffer des Spiels?
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