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Deutsche Handballer beim EM-Sieg gegen Niederlande: "Und wie heißt du?"

Gensheimer flog vom Feld, Bundestrainer Prokop wusste kurz nicht mehr, wie sein Spieler heißt: Deutschlands Handballer mussten einen anstrengenden EM-Auftakt hinter sich bringen. Es gab aber auch gute Nachrichten.

Tücken des Auftakts: Zu Beginn eines Turniers kann es schon einmal vorkommen, dass der TV-Zuschauer noch nicht weiß, wer dieser noch junge Handball-Nationalspieler mit der Nummer 73 ist. Aber wenn der Bundestrainer nicht weiß, wer dieser Spieler ist, obwohl es sogar sein Spieler ist, dann überrascht das schon. Es lief bereits die Schlussphase beim EM-Auftakt gegen die Niederlande, als Christian Prokop in einer Auszeit die letzten Anweisungen gab und plötzlich ins Stocken geriet. "Und wie heißt du?", fragte Prokop zögerlich und starrte dabei den 24 Jahre alten Timo Kastening an. "Timo", antwortete der EM-Debütant, der vor allem deswegen ins Aufgebot gerutscht war, weil es viele verletzungsbedingte Absagen gegeben hatte. Beide mussten schmunzeln. Dann ging es weiter. Später sprach der Bundestrainer von einem Scherz.

Ergebnis des Spiels: Es gab noch einige Störgeräusche. Aber die deutsche Mannschaft hat die ersten zwei Punkte bei der Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich gesammelt. Mit 34:23 (15:13) siegte der Europameister von 2016 zwar deutlich gegen den EM-Neuling aus den Niederlanden, doch es war lange Zeit schwieriger und umkämpfter als erwartet. "Wir hatten zu knabbern", sagte Bundestrainer Prokop nach der Partie. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Rückkehr des Shooters: Es dauerte drei Minuten und acht Sekunden bis die deutschen Handballer erstmals jubeln durften. Julius Kühn hatte in jenem Moment zum 1:2 verkürzt, die DHB-Auswahl bei dieser Endrunde mit einem Distanzwurf angemeldet. Aber sein Treffer war auch mit einer persönlichen Nachricht versehen: Mit "ich bin wieder da" könnte man sie übersetzen. Der wuchtige Torjäger, der Shooter mit Wurfgeschwindigkeiten weit über 100 Kilometern pro Stunde, hatte die Heim-WM 2019 wegen eines Kreuzbandrisses verpasst. Seine Tore sind wichtig, gegen die Niederlande erzielte er vier Treffer, und wenn es in den kommenden Tagen gegen stärkere Gegner geht, werden sie noch wichtiger.

Erste Hälfte: Aus einem 0:2-Rückstand wurde schnell ein 2:2, aus einem 2:3 ein 5:3, nach 19 Minuten stand es dann 12:7 für Deutschland. Es schien die eindeutige Angelegenheit zu werden, die viele auch erwartet hatten. Doch es wurde wieder enger. Die DHB-Auswahl spielte sich zu häufig am gegnerischen Kreis fest, geriet oft unter Druck, weil die niederländische Mannschaft sie ins Zeitspiel zwang, vergab einige gute Chancen und verlor zu viele Zweikämpfe. Es lief nicht. Das lag auch am Blackout des Kapitäns.

Kein Tag für Gensheimer: Nur einen von drei Siebenmetern verwandelt, nur 16:55 Minuten gespielt, die Rote Karte gesehen. Es ist unwahrscheinlich, dass Uwe Gensheimer schon einmal mit solch einer Statistik unter die Dusche musste. Gegen die Niederlande kam der Weltklasse-Linksaußen aber genau auf diese Zahlen. Wegen eines Kopftreffers war der Kapitän vorzeitig vom Feld geflogen, er hatte den niederländischen Keeper Bart Ravensbergen bei einem Siebenmeter den Ball unglücklich ins Gesicht geworfen. Sofern sich der Torwart mit dem Kopf nicht aktiv zum Ball bewegt, wird so eine Szene beim Siebenmeter mit Rot bestraft. Eine aktive Bewegung war nicht gegeben; im zweiten Gruppenspiel gegen Spanien darf Gensheimer aber wieder spielen.

Zweite Hälfte: Einen souveränen Auftritt sollten die deutschen Fans im norwegischen Trondheim zu Beginn nicht sehen. Deutschland wackelte (beim zwischenzeitlichen 16:15 musste Torwart Andreas Wolff den Ausgleich verhindern), leistete sich ärgerliche Fehler (wie bei der Zeitstrafe wegen eines Wechselfehlers) und zog gegen den klaren Außenseiter erst davon, als die Kräfte beim Gegner schwanden und Wolff immer besser wurde. Es war noch kein Bewerbungsschreiben, um in den Kreis der engsten Titelkandidaten aufgenommen zu werden. Aber dieses Team muss sich noch finden.

Wo ist Deutschland stark? Mit seinen Abwehrspezialisten Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek sowie seinen Torhütern Andreas Wolff und Johannes Bitter hat Deutschlands eines der stärksten Gesamtpakete im Defensivbereich. Einer von ihnen ragte bereits heraus: Wolff war zur Stelle, als der niederländische Gegner aufmuckte, er wehrte insgesamt zwölf Würfe ab und kam auf eine Abwehrquote von 41 Prozent. Sein Fazit zur eigenen Leistung fiel dann so aus: "Jogi hat auch überragend gehalten", sagte Wolff im ZDF. Gemeint war sein Torwartkollege Bitter; der 37-Jährige durfte überraschend für Silvio Heinevetter mit zur EM fahren. Wolff und Heinevetter galten zwar als ein Top-Duo, ohne dabei aber ein besonders harmonisches Verhältnis zu pflegen.

Was fehlt? Ein starker Spieler für den Rückraum, ein Regisseur, der auch in brenzligen Phasen die Kommandos gibt, die Ordnung hält, Angriffe einleitet, Duelle entscheidet. So einen Spielertypen hat die deutsche Mannschaft nicht und wegen der vielen Verletzungsausfälle auf dieser Position (unter anderem fehlen Martin Strobel und Fabian Wiede) wird Bundestrainer Prokop auch vor der großen Aufgabe stehen, die richtige Lösung für diese Schwachstelle zu finden. Gegen Spanien am Samstag (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de) wird bereits deutlicher, wohin es für Deutschland bei diesem Turnier gehen kann.

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