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Drei Tore für Borussia Dortmund: Der Haaland-Schock

Ein 19-Jähriger kommt von der Bank und schießt den BVB zum Sieg. Unabhängig von seinen drei Toren scheint Erling Haaland die Dortmunder besser zu machen. Doch die Defensive bleibt das große Problem.

Selten sieht das Auftreten eines Fußballers auf und neben dem Platz so unterschiedlich aus wie bei Erling Haaland. Im Kabinentrakt trägt er einen der Spielbälle als Souvenir mit sich herum wie eine Schultüte. Er grinst brav in die vielen Kameras, nuckelt etwas unbeholfen an einer Flasche mit einem pinken Proteinshake. Ganz klar: Auftritte bei Blitz- und Scheinwerferlicht muss er noch üben.

Auf dem Feld hingegen wirkte er von der ersten Sekunde an so, als ob er nicht wüsste wohin mit seiner Kraft und seinem Selbstvertrauen. Er schritt nach seiner Einwechslung mit einer Armhaltung auf den Rasen, als hätte er links und rechts zu große Colts um die Hüften geschnallt.

Es ist schon ein recht spezielles Fußballmärchen, was sich da am Samstagnachmittag in Augsburg geschrieben wurde. Vor einem halben Jahr war Haaland noch völlig unbekannt. Jetzt ist er Hoffnungsträger für einen leicht kriselnden, deutschen Traditionsklub - aber mit 19 eben ein sehr junger. Noch dazu ist Haaland gerade eigentlich gar nicht richtig fit, nach Knieproblemen hatte er erst seit ein paar Tagen voll mittrainiert.

Doch dann wird Haaland eingewechselt, und aus Hoffnung wird Gewissheit. Er schießt in 20 Bundesliga-Minuten drei Tore gegen den FC Augsburg, Dortmund gewinnt nach 1:3-Rückstand noch 5:3. Augsburgs Trainer Martin Schmidt spricht hernach vom „Haaland-Schock“. Die bundesweiten Schockwellen sind ausgesendet. Denn fraglos ist der 1,94 Meter große, unheimlich schnelle Stürmer eine Bereicherung für die Bundesliga. Er dürfte noch vielen Abwehrspielern Kopfzerbrechen bereiten. „Es war fantastisch“, sagte Haaland nach dem Spiel, der Dreierpack sei auch für ihn „eines der verrücktesten Dinge, die ich bisher erlebt habe“.

Haaland trifft mit dem ersten Torschuss

Zuvor war noch gerätselt worden, ob Haaland überhaupt spielen wird. Die Wahrscheinlichkeit war angestiegen, als bekannt wurde, dass Paco Alcácer nicht im Kader stehen würde und der Abschied vom BVB wohl unmittelbar bevorsteht. Dann wurde diskutiert, ob das 19-jährige Supertalent dem Druck standhalten würde. Ob er sich gegen Bundesliga-Abwehrspieler nicht deutlich schwerer tun würde als in Österreich, wo er in 14 Spielen 16 Tore geschossen hatte.

Am Ende war es eher umgekehrt. Es wirkte so, als ob die Augsburger noch nie so einen Angreifer gesehen hätten.

Haaland wurde in der 56. Spielminute eingewechselt; gerade hatte Florian Niederlechner mit seinem zweiten Treffer das 3:1 für Augsburg geschossen, die Vorentscheidung, so schien es. Bei seinem ersten Ballkontakt dribbelte sich Haaland noch fest, sein zweiter Ballkontakt landete im Netz (59.). Danach forderte er die Bälle, er ärgerte sich, wenn die Kollegen ihn nicht anspielten, er klatschte ihnen aufmunternd zu, wenn sie es taten. Der 19-Jährige zeigte schon nach wenigen Bundesliga-Minuten Chef-Attitüde. In Dortmund reagierten sie in der Vergangenheit genervt auf Diskussionen über die Mentalität des Teams - mit Haaland scheint sich auch dieses Thema zu verbessern.

Haaland auf den Spuren von Aubameyang

Beim 3:3-Ausgleich hätte Jadon Sancho auch querlegen können. Der Engländer schob den Ball nach seinem Dribbling gegen FCA-Keeper Tomas Kubek lieber selbst ein (61.); dafür schenkte Thorgan Hazard dem Norweger den Abstauber zum 4:3 (72.). Das 5:3 war dann eine athletische Machtdemonstration des neuen Stürmers: Haaland hatte die Gegenspieler so weit abgehängt, dass er nach innen ziehen und abschließen konnte (79.). Der zuvor letzte Spieler übrigens, dem beim Bundesliga-Debüt ein Dreierpack gelang, war Pierre-Emerick Aubameyang. Dortmund gewann im August 2013 mit 4:0 - beim FC Augsburg.

„Ich habe kurz mit ihm geredet“, sagte Sportdirektor Michael Zorc im Anschluss, und Haaland habe gesagt: „That’s the reason you bought me“. Und er habe ja Recht, merkte Zorc lächelnd an, genau dafür haben sie ihn geholt. Aber eben nicht nur für die Tore. In Augsburg wurde deutlich, dass Haaland die Dortmunder schlagartig besser macht, aus den verschiedensten Gründen. Zorc schwärmte in den höchsten Tönen von dem „positiv Verrückten“. „Die Körpersprache, die er hat, das ist 1A, das geht nicht besser, das hilft uns, das pusht die anderen.“ Trainer Lucien Favre meinte, jetzt könne man wohl seltener „mal links, dann wieder rechts, dann wieder zurück“ spielen, sondern einfach in die Tiefe, weil Haaland diese Räume erkenne und besetze, weil er „brandschnell“ ist.

Das Abwehrverhalten des BVB stimmt nicht

Sie haben keine Sorge, dass Haaland nun abheben wird. „Der Junge ist schon total klar“, sagte Zorc über ihn. Sorgen macht sich der Sportdirektor vielmehr darüber, dass wegen Haaland zu wenig über die aktuellen Probleme der Mannschaft gesprochen wird. Er sprach sie selbst an: „Insgesamt ist das Abwehrverhalten alles andere als gut, und das bezieht sich nicht nur auf die Abwehrspieler. Das macht mir Sorgen. So wirst du nicht deine Ziele erreichen“, sagte er mit besorgtem Blick.

Vor allem in der ersten Halbzeit hatten die Gäste phasenweise hilflos gewirkt und waren mit dem hohen Pressing der Augsburger überhaupt nicht klargekommen. Abwehrchef Mats Hummels meinte, man verliere zu viele Bälle im Aufbauspiel. „Dadurch werden sich öfter noch so Spiele auftun, wo es hin und hergeht und viele Tore fallen.“ Wohl wissend, dass die Mannschaft nicht jede Woche vier oder fünf Tore schießen kann, um zu gewinnen, selbst mit Haaland.

Der wartet nun am Freitagabend auf sein erstes Spiel mit mehr als 80.000 Zuschauern. „Es wird großartig“, sagte er mit Vorfreude in der Stimme. Wenn Haaland in seinem ersten Heimspiel so auftritt wie in Augsburg, aber ganz sicher nicht für den Gegner 1. FC Köln.

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