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Carlos Ghosn: «Die Flucht war der schwierigste Entscheid meines Lebens» | NZZ

Nach seiner spektakulären Flucht rechtfertigt der ehemalige Renault- und Nissan-Chef Carlos Ghosn sein Vorgehen. Die Flucht sei der schwierigste Entscheid seines Lebens gewesen, sagte er. Er attackierte mit scharfen Worten die japanische Justiz.

Nach seiner spektakulären Flucht rechtfertigt der ehemalige Renault- und Nissan-Chef Carlos Ghosn sein Vorgehen. Die Flucht sei der schwierigste Entscheid seines Lebens gewesen, sagte er. Er attackierte mit scharfen Worten die japanische Justiz.

Vor den Medien in Beirut rechtfertigte Carlos Ghosn seine Flucht in einer emotionalen Rede.
Vor den Medien in Beirut rechtfertigte Carlos Ghosn seine Flucht in einer emotionalen Rede.

Mohamed Azakir / Reuters

Carlos Ghosn, der ehemalige Chef der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi Motors, steht in Japan wegen möglicher Veruntreuung und finanziellen Fehlverhaltens unter Anklage. Im November 2018 wurde er in Untersuchungshaft genommen, später lebte er unter strengen Kautionsauflagen in eng begrenzter Freiheit. Ende Dezember 2019 entkam der 65 Jahre alte Ex-Manager der japanischen Justiz durch eine spektakuläre Flucht nach Libanon, woher er und seine Frau Carole stammen. 

Erstmals nach seiner Flucht trat Ghosn am Mittwochnachmittag vor die Medien. Rund zweieinhalb Stunden lang rechtfertigte er sich vor der japanischen Justiz in einer sehr emotionalen Rede. Er stützte sich auf ein Manuskript, sprach aber meist frei, kam oft ins Feuer und verlor sich manchmal in Details.

Er sei in Japan durch die Justiz brutal aus seinem familiären und beruflichen Umfeld geworfen worden, erklärte er. Dabei halte er sich für unschuldig in allen Punkten. Seit November 2018 sei er direkt oder indirekt in Gefangenschaft der japanischen Justiz gewesen. Er wisse immer noch nicht, aus welchen Gründen seine Persönlichkeitsrechte in Japan derart gravierend beschnitten worden seien – so kritisierte er die japanischen Behörden. Er sei bis zu acht Stunden am Tag verhört worden, ohne dass Anwälte zugegen gewesen seien. Man habe ihm auch angedroht, es werde noch schlimmer, wenn er nicht gestehe. Auch hätten die Ankläger angekündigt, dass sie gegen seine Familie vorgehen würden, falls er nicht kooperiere. Vierzehn Monate lang habe er nicht mit seiner Frau und mit Freunden sprechen können. Damit habe man ihn brechen wollen. Und ein Ende des Dramas sei nicht abzusehen gewesen. Er habe sich hoffnungslos gefühlt. 

Ghosn: «Die Wahrheit ans Licht bringen»

Er wolle der Gerechtigkeit nicht entgehen, er wolle selber aber auch Gerechtigkeit erhalten, hielt er fest. Um sich und seine Familie zu schützen, sei er geflohen. «Wenn ich in Japan keine Gerechtigkeit bekomme, erhalte ich sie anderswo», habe er sich gesagt. Er wolle, dass die Wahrheit ans Licht komme. Er sei auch bereit, überall dort vor ein Gericht zu treten, wo er einen fairen Prozess erwarten könne. 

Die Flucht sei die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen. Aber er habe sich einem System gegenüber gesehen, in dem die Verurteilungsrate 99,4% betrage. Und für einen Ausländer wie ihn sei diese Rate sogar noch höher. Es gebe seiner Meinung nach kein demokratisches Land, wo man für Anschuldigungen, wie sie gegen ihn erhoben würden, ins Gefängnis gehe – nicht einmal, wenn die Vorwürfe zuträfen. «Ich bin hier, um meinen Ruf zu wahren. Die Behauptungen gegen mich sind falsch, und ich hätte niemals verhaftet werden dürfen», sagte er. 

«Die Vorwürfe waren Teil eines Komplotts»

Am Schluss seines Votums umriss Ghosn seine Verdienste als Manager von Nissan und Renault. «Siebzehn Jahre lang war ich ein Vorbild in Japan. Dann bezeichnete mich die Staatsanwaltschaft plötzlich als ‹berechnend, gierig und als Diktator›.» Die Vorwürfe gegen ihn seien ein Komplott gewesen, um die Fusion mit Nissan zu verunmöglichen. «Sie hatten wohl gedacht, der einzige Weg, sich dem Einfluss von Renault auf Nissan zu entziehen, bestehe darin, mich loszuwerden», sagte er. Die Verbindungen zwischen Nissan und den Strafverfolgern seien sehr eng gewesen. 

Ihm sei vorausgesagt worden, dass allein der Prozess in Japan noch mehrere Jahre dauern könnte. Zugespitzt formuliert habe er die Wahl gehabt, gefangen in Japan zu sterben oder jetzt in die Freiheit zu entkommen. 

Ghosn ging detailliert auf die einzelnen Vorwürfe ein und bezeichnete alle als unbegründet. Beispielsweise sei er wegen Lohnzahlungen angeklagt worden, die er gar nie erhalten habe. Ghosn kam immer wieder auf dieselben Punkte zu sprechen. Zu verschiedensten Vorwürfen legte er zahlreiche Dokumente vor, welche die Anschuldigungen widerlegen sollten. Dazwischen verlor er sich arg in Details, beispielsweise rechtfertigte er auch seine prunkvolle Hochzeitsfeier in Versailles, die Renault finanziert haben soll. Darüber hinaus ging er praktisch die ganze Geschichte von Renault und Nissan durch und kritisierte scharf, dass man es nicht geschafft habe, in einer Allianz mit Fiat Chrysler die Nummer 1 im Weltmarkt zu werden. Die Fusion mit PSA (Peugeot, Citroën, Opel) sei keine wirkliche Alternative zur grossen Chance, die ein Zusammengehen mit Fiat Chrysler geboten hätte. 

Keine Angaben zur Flucht

Im Anschluss an sein Votum ging Ghosn auf Englisch, Französisch, Portugiesisch und Arabisch auf Fragen von Journalisten ein. Über seine Flucht machte er keine konkreten Angaben. Er betonte, dass er nicht über Leute spreche, die ihm bei seinen Problemen geholfen hätten. Nun werde er Wege finden, sein Leben in Libanon oder anderswo zu führen. Er sei es gewohnt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Er habe schon einige vermeintliche «missions impossibles» gelöst. Er sei bereit, lange Zeit in Libanon zu leben. Er sei hierher geflohen, weil er von hier komme und weil seine Familie hier zu Hause sei. Seine Anwälte würden sich gegebenenfalls gegen das Auslieferungsbegehren aus Japan zur Wehr setzen. 

«Die vergangenen Monate waren ein Albtraum für mich», erklärte er weiter. Jetzt sei seine Erleichterung riesig: «Es ist unmöglich, mein Glück auszudrücken, dass ich jetzt wieder bei meiner Familie bin», sagte er zum Schluss. Hier können Sie die Medienkonferenz nochmals ansehen:

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Hier die wichtigsten Fragen zum Fall «Carlos Ghosn»:

Über die aufsehenerregende Flucht kamen erst nach und nach – wie in einem Puzzle – die Einzelteile an die Öffentlichkeit. Die Chronik der Ereignisse auf dem jüngsten Stand: 

  • Sonntag, 29. Dezember, 14.30 Uhr: Ghosn verlässt ohne Begleitung sein Haus in Tokio. Das zeigen laut Medienberichten die Überwachungskameras. Kurz zuvor waren die von Nissan beauftragten Privatdetektive – offenbar auf Druck von Ghosns Verteidigern – zumindest kurzfristig abgezogen worden. Eine Rückkehr Ghosns ist auf den Videos nicht zu sehen.
  • In Tokio trifft sich Ghosn offenbar in einem Hotel mit den zwei amerikanischen Fluchthelfern. Gemeinsam nehmen sie den Shinkansen-Zug in die rund 400 Kilometer von Tokio entfernte westjapanische Metropole Osaka.
  • In der Nähe des Flughafens der Stadt, des Kansai International Airport, checkt die Gruppe in einem Hotel ein. Etwa zwei Stunden später verlassen zwei Männer das Hotel mit zwei grossen, schwarzen Kisten. Ghosn ist nicht zu sehen. Japans Behörden gehen davon aus, dass er in einer der Kisten versteckt ist. Sie sind als Gepäck für Musikinstrumente oder Audioanlagen deklariert.
  • Den Flughafen betreten sie beim Terminal für Privatflugzeuge, wie Videoaufnahmen dokumentieren. Dabei werden die Kisten weder beim Check-in noch am Zoll kontrolliert. In diesem Terminal sind die Scanner nicht in der Lage, grosse Gepäckstücke zu durchleuchten.
  • Der Privatjet der türkischen Fluggesellschaft MNG startet kurz nach 23 Uhr Ortszeit von Osaka in Richtung Türkei. 
  • Montag, 30. Dezember, Vormittag: Ghosn landet in Istanbul. Hier wird er an Bord eines anderen MNG-Jets geschmuggelt. In der Türkei wird denn auch weder eine Ein- noch eine Ausreise registriert. Im zweiten Privatflugzeug von MNG fliegt Ghosn nach Libanon weiter.
  • Auf dem Flughafen Beirut reist er am frühen Nachmittag unter seinem richtigen Namen und mit einem gültigen Pass ein. 
  • Dienstag, 31. Dezember: Ghosn informiert in Libanon die Öffentlichkeit über seine Flucht, ohne Details zu nennen.

Zwei Amerikaner haben Ghosn offenbar zur Flucht verholfen. Laut den Flugdokumenten der privaten türkischen MNG-Jets handelt es sich um Michael Taylor und George-Antoine Zayek. Taylor ist ein ehemaliger amerikanischer Fallschirmspringer, der nach seiner Militärlaufbahn unter anderem als Undercover-Agent amerikanischer Behörden in Libanon arbeitete. Er ist seitdem der Region eng verbunden. Er gründete ein Sicherheitsunternehmen, das sich auf die Befreiung von Geiseln spezialisiert.

Die beiden Fluchthelfer sind offenbar kurz vor der Aktion in einem MNG-Privatjet aus Dubai nach Osaka eingereist. Am Kansai-Flughafen suchten sie gezielt nach Sicherheitslücken. Später nahmen sie den Zug nach Tokio. Laut einer Spekulation des amerikanischen «Wall Street Journal» wurde Ghosns Flucht von einem Team von bis zu 15 Personen vorbereitet. Die Aktion soll mehrere Millionen Dollar gekostet haben. 

Vorläufig kann sich Ghosn in Libanon sicher fühlen. Er besitzt neben einem französischen und einem brasilianischen auch einen libanesischen Pass. Libanon hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Auch werden die Behörden den im Land hoch geschätzten Manager kaum ausweisen. Japan hat bei Interpol eine sogenannte «red notice» beantragt. Dabei handelt es sich um ein Amtshilfeverfahren, mit dem Mitgliedsländer eine Haft mit dem Ziel einer Auslieferung beantragen können. Libanons Präsident Michel Aoun ist Ghosn freundschaftlich verbunden und hat den Flüchtigen kurz nach dessen Ankunft willkommen geheissen. Aber es ist doch nicht völlig auszuschliessen, dass Libanon einem möglichen scharfen internationalen Druck doch irgendwann nachgeben könnte. 

Japan hat Libanon über die internationale Polizeibehörde Interpol einen Haftbefehl für Ghosn zugestellt. Die Staatsanwaltschaft erwirkte auch einen Haftbefehl gegen Ghosns Frau Carole. Ihr wird vorgeworfen, im vergangenen April bei einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft vor Gericht Falschaussagen gemacht zu haben. Carole Ghosn hatte immer wieder die Haftbedingungen ihres Mannes scharf kritisiert. Eine Bedingung für Ghosns Entlassung aus der monatelangen Untersuchungshaft gegen Kaution war gewesen, dass er weder Japan verlässt noch ohne Erlaubnis Kontakt zu seiner Frau aufnimmt.

Ghosns Frau Carole hat nach eigenen Angaben nichts von der Flucht ihres Ehemannes gewusst. «Ich war mit meinen Kindern in Beirut, um Weihnachten zu feiern, und jemand rief mich an und sagte: 'Ich habe eine Überraschung für dich.' Es war die beste Überraschung meines Lebens»", sagte Carole Ghosn der französischen Zeitung «Le Parisien». Sie hätten sich in der Wohnung ihrer Eltern getroffen. 

Am 19. November 2018 war Ghosn in Tokio wegen Verstosses gegen Finanzmarktgesetze festgenommen und angeklagt worden. Der Anfangsverdacht lautete, dass Ghosn beim japanischen Autohersteller Nissan zwischen 2011 und 2018 nur die Hälfte seines wahren Gehalts in Bilanzberichten ausgewiesen hatte. Der nicht deklarierte Teil beläuft sich nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft auf 9,1 Mrd. Yen (rund 80 Mio. Fr.), plus Pensionszahlungen von weiteren 4 Mrd. Yen. 

Ghosn wird auch Veruntreuung vorgeworfen: Er soll private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Die Staatsanwälte glauben, dass Ghosn beträchtliche Summen an Renault- und Nissan-Geldern in seine eigene Tasche geleitet hat. Ghosn hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Bei einem Schuldspruch würden ihm mehrere Jahre Haft drohen. 

Ghosn beteuert in allen Punkten der Anklage seine Unschuld. Er sieht die Vorwürfe gegen ihn als Teil eines Coups bei Nissan. Er vermutet, dass seine Gegner ihn gestürzt haben, um eine Fusion von Nissan mit Renault zu verhindern.

Bisher hat er sich nicht dazu geäussert, wie ihm die Flucht über die Türkei nach Libanon gelang. Er sei «nicht länger eine Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems», hatte er in einer ersten Stellungnahme nach der Flucht betont. Er sei dem Unrecht und politischer Verfolgung entkommen. 

Im April 2019 war er gegen eine Kaution von 1,5 Milliarden Yen (13,4 Millionen Franken) entlassen worden – unter strengen Auflagen, um zu verhindern, dass er flieht oder Beweismaterial vertuscht. Die von ihm hinterlegte Kaution behält der japanische Staat ein. Das beschloss das Bezirksgericht in Tokio nach Ghosns Flucht.

Der japanische Renault-Partner Nissan will trotz der Flucht weiter rechtlich gegen Ghosn vorgehen. Man werde angemessene rechtliche Schritte ergreifen, um «Ghosn für den Schaden, den sein Fehlverhalten Nissan verursacht hat, zur Verantwortung zu ziehen», teilte Nissan mit.

Doch mit dem Prozess wird es eher schwierig. Japan wäre daher auf eine Kooperation der libanesischen Regierung angewiesen. Das japanische Recht erlaubt Prozesse in Abwesenheit des Angeklagten nur in Ausnahmefällen.

koe. Carlos Ghosn ist 2001 Nissan-Chef und 2005 zusätzlich Vorstandschef von Renault geworden. 2016 kam das Verwaltungsratspräsidium von Mitsubishi Motors hinzu. Im April 2017 wechselte er vom Vorstandsposten in den Verwaltungsrat bei Nissan.

Ghosn wurde in Brasilien als Kind libanesischer Eltern geboren, wuchs teilweise in Libanon auf. Als Mitglied der Maroniten, der grössten christlichen Religionsgemeinde in Libanon, schloss er ein Jesuiten-Kolleg ab und machte dann in Frankreich zuerst beim Reifenhersteller Michelin und dann bei Renault Karriere.

Seinen Wurzeln und auch seinem speziellen Sinn für Prunk blieb er in allen Ämtern treu. Er ist bestens bekannt mit dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun. In Libanon stellen die Christen laut Verfassung den Präsidenten. Ghosn ist im Land so angesehen, dass er vor ein paar Jahren als Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde.

Er heirate Frauen auch mit libanesischen Wurzeln. Für die Hochzeit mit seiner zweiten Frau Carole wählte der Alleinherrscher der französisch-japanischen Autoallianz standesgemäss einen Saal im Palast von Versailles. Die Rechnung übernahm Renault.

Selbst bei seinem Fluchthelfer verliess er sich auf libanesische Verbindungen. Der frühere US-Fallschirmspringer Michael Taylor hatte einst in Libanon als Undercover-Agent amerikanischer Behörden gearbeitet. Er hat wie Ghosn eine libanesische Frau.

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