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RTL-Dschungelcamp - Das war schon immer so - runter mit der Kakerlake

Im 14. Jahr verklärt sich das Dschungelcamp selbst zur Tradition. Für die sakrale Aufladung sorgt Danni Büchner: Sie trägt die Asche ihres verstorbenen Mannes um den Hals - der war 2017 selbst Teilnehmer gewesen.

Der Imperativ des Abends wird schon vor Sendebeginn gesetzt, und zwar von Günther Jauch bei . "Viel Spaß - es geht nach Australien", kündigt der Moderator die Folgesendung an: den alljährlichen RTL-Quotenbringer . Jauch meint wohl: "Haben Sie Spaß, es ist mindestens okay, wenn nicht komplett egal." Diesen Faden nimmt Dschungelcamp-Moderatorin Sonja Zietlow in den ersten Minuten direkt auf. Sie will zügig anfangen, "bevor es die SPD verbietet" - eine Anspielung auf SPD-Politiker Karl Lauterbach, der sich für eine Einstellung der Sendung ausgesprochen hatte.

Die Dschungelcamp-Variante des australischen Fernsehens würde ja schließlich auch produziert, argumentiert Zietlow, warum sollte man "betroffener sein als die Betroffenen"? Die Drehbuchschreiber haben ihr eindeutig die trotzige Bad-Cop-Rolle zugewiesen. Ihr Co-Moderator Daniel Hartwich, Typ Prenzlberg-Vati, ist fürs Herzliche zuständig: "Wir wollen unsere Präsenz nutzen, um zu helfen", sagt er. Betongesicht-Sonja schickt ein "Das ist absolut ehrlich gemeint" hinterher.

Um die eigene Glaubwürdigkeit zu versichern, hat RTL 100 000 Euro an irgendwelche Hilfsorganisationen gespendet. Wer da noch an der Aufrichtigkeit der Macher zweifelt, der muss nun wirklich ein Miesepeter sein! Wie immer sagen die beiden Moderatoren zum Ende ihrer Eröffnungsrede noch den Titel der Sendung auf, während die Kamera per Drohnenfahrt in einen gigantischen Weitwinkel schwebt. Würde sie noch ein paar Kilometer weiter herauszoomen - man könnte vielleicht Flammen sehen.

Sämtliche Untiefen der Abartigkeit sind tausendfach durchtaucht

Spannender als die Suche nach Argumenten, warum das Dschungelcamp nun trotz der Katastrophenbrände stattfinden sollte, ist aber die Frage, warum es überhaupt noch existiert. Eigentlich ist das Format bereits drei Tode gestorben: Die Langeweile der Nullerjahre, aus der das Dschungelcamp erwuchs, indem es durch das Ausstellen allerlei Ekeligkeiten eine art edgy Voyeurismus bediente, ist vorbei. Sämtliche Untiefen der Abartigkeit sind tausendfach durchtaucht. Es folgten die Jahre des vorgescripteten Dramas, verpackt als Authentizität. Neben Zickereien gab es nun tiefschürfende Gespräche am Lagerfeuer, Bekenntnisse, Trauma-Bewältigung. Auch diese Erfolgsformel hat ausgedient, seit durch Medien wie Instagram jeder Mensch von noch so eingebildeter öffentlicher Relevanz seinen kompletten Psycho-Haushalt ins Netz kippt. Jede Träne ein Follower mehr. Eine Sendung wie das Dschungelcamp ist da höchstens noch der Second Screen, durch den sich eventuell die eigene Reichweite vergrößern lässt.

Bleibt das ironische Zuschauen, das entspannende Feierabend-Ablachen ob der Dummeheit und des "Leidens" anderer. Aber seit der Planet gefühlt täglich aufs Neue im Chaos versinkt, wünscht sich die Mehrheit der Menschen wohl eher selbst ins vergleichsweise verlässliche Dschungelcamp. In Anbetracht der Lage in Australien könnte die Sendung auch heißen, schließlich herrschen die apokalyptischen Zustände nicht im Camp, sonder drum herum. Der empathiebefreite Zynismus von Zietlow und Hartwich wirkt da überholt, man will fast sagen: Vintage.

Und genau hier liegt wohl auch der Grund für das Fortbestehen dieses mehr als überholten Show-Konzepts. Wenn ein kulturelles Ritual in einem bestimmten zeitlichen Kontext entstanden ist und sich zunehmend abnutzt, bleibt nur eine Chance zum Überleben: Es muss zur Tradition werden - eine unhinterfragbare Wiederkehr eines Ereignisses, ausgestattet mit den Insignien vergangener Epochen. Die Macher des Dschungelcamps bemühen sich sichtlich, genau dieses Eindruck entstehen zu lassen.

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