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Carlos Ghosn holt zum Gegenschlag aus | NZZ

Der ehemalige Renault- und Nissan-Chef sieht sich als Opfer einer Verschwörung zwischen der japanischen Justiz und ehemaligen Nissan-Kadern.

Der ehemalige Renault- und Nissan-Chef sieht sich als Opfer einer Verschwörung zwischen der japanischen Justiz und ehemaligen Nissan-Kadern.

In Japan habe er keinen fairen Prozess erwarten können, sagt Carlos Ghosn.
In Japan habe er keinen fairen Prozess erwarten können, sagt Carlos Ghosn.

Mohamed Azakir / Reuters

400 Tage nach seiner überraschenden Verhaftung am Flughafen von Tokio im November 2018 hat Carlos Ghosn das Bedürfnis zu reden. Er tut dies am Mittwochnachmittag vor 150 ausgewählten Journalisten in Beirut während rund zweieinhalb Stunden – engagiert, frei und bisweilen recht emotional. Dabei verliert der frühere Chef von Renault-Nissan allerdings kein Wort über die Art und Weise, wie er Japan vergangene Woche heimlich verliess und nach Libanon gelangen konnte. Das Ziel seiner Flucht, sagt er lediglich, habe unter anderem logistische Gründe gehabt.

200 Millionen für eine Rufmord-Kampagne

Die Entscheidung, Japan heimlich zu verlassen, sei die schwierigste seines Lebens gewesen, erklärte der 65-Jährige. Doch angesichts dessen, dass er in Japan keinen fairen Prozess habe erwarten können, sei ihm diese als einzige Möglichkeit erschienen, einer weiteren Verschleppung seines Verfahrens zu entkommen und sich und seine Familie zu schützen. «Ich bin nicht vor der Justiz geflohen, sondern vor Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung», sagte Ghosn. Er betonte dabei nicht nur mehrmals, dass er alle Vorwürfe – insgesamt laufen in Japan und Frankreich sechs Verfahren gegen ihn – als haltlos ansieht. Ghosn gab sich auch überzeugt, Opfer einer Verschwörung zwischen einigen seiner früheren Kollegen bei Nissan und der japanischen Staatsanwaltschaft geworden zu sein. Ausserdem seien Vertreter der japanischen Regierung involviert gewesen.

Die von langer Hand geplante Aktion habe einzig zum Ziel gehabt, ihn zu stürzen. Die Gründe: Seit 2017 sei die Leistung bei Nissan zurückgegangen. Zudem hätten sich die Japaner angesichts der ungleichen Verteilung der Stimmrechte in der Allianz, die auf Initiative des französischen Staates zustande kam, ungerecht behandelt gefühlt. Renault besitzt 43 Prozent an Nissan, die Japaner besitzen aber nur 15 Prozent der Renault-Aktien – und zwar ohne Stimmrecht. Die einzige Möglichkeit, mehr Einfluss zu gewinnen und Renault auf Distanz zu halten, hätten sie darin gesehen, ihn loszuwerden, argumentierte Ghosn. Dies, weil er sich eine engere Zusammenarbeit – keine komplette Fusion, wie er betonte – zwischen den Partnern gewünscht habe. Nissan hat laut Ghosn mehr als 200 Millionen Dollar ausgegeben, um den Coup vorzubereiten und sein Image gezielt zu besudeln. Die Japaner hätten damit aber auch dem Ruf von Nissan und Japan geschadet. 

Ghosn beklagte die gezielte Verbreitung von Fehlinformationen über seinen Charakter und über den Ablauf seiner Verhaftung, die nicht im Flugzeug, sondern im Flughafengebäude in Tokio stattgefunden habe. Zu der Schmutzkampagne zählte Ghosn auch die Vorwürfe, deretwegen in Frankreich derzeit Untersuchungen gegen ihn laufen. So soll er das Mäzenatentum von Renault im Schloss Versailles für private Events, unter anderem seine Hochzeit, ausgenutzt haben. Ghosn sagt, er habe nach der Aussage der Direktorin gedacht, er könne die Räume auch privat kostenlos nutzen, und sei überrascht gewesen, als Renault ein Betrag belastet worden sei. Allerdings sprach er nicht von der Hochzeit, sondern von dem Geburtstag seiner Frau. 

Was Carlos Ghosn vorgeworfen wird

– Falschdeklaration seines Gehalts bei der Börsenaufsichtsbehörde, laut Schätzungen der Staatsanwaltschaft insgesamt rund 80 Mio. € zwischen 2011 und 2018 (in Japan) 

– Untreue, konkret die Nutzung von Firmenmitteln (Wohnungen, Flugzeuge) für private Zwecke (in Japan)

– Missbrauch von Gesellschaftsvermögen, konkret der Nutzung eines Mäzenentumvertrags von Renault mit dem Schloss Versailles für private Zwecke (laufende Voruntersuchung in Frankreich)

– Abschluss von privaten Geschäften über die niederländische Gesellschaft der Allianz (laufende Untersuchung in Frankreich)

In Beirut zeigte Ghosn eine Reihe von Dokumenten, die ihn entlasten sollen und von denen er versprach, sie und viele andere den Medien zugänglich zu machen. Zudem nannte er die Namen der angeblichen Strippenzieher bei Nissan: Unter anderem der frühere Chef Hiroto Saikawa und Ghosns ehemalige rechte Hand Hari Nada sollen den Plot ausgeheckt haben. Zudem soll Masakazu Toyoda, der noch immer im Nissan-Verwaltungsrat sitzt, den Draht zu den Behörden hergestellt haben. Ghosn beschuldigte nicht nur die japanische Staatsanwaltschaft, sondern behauptete, die Aktion habe den Segen der Politik gehabt. Namen wollte er – angeblich aus Rücksicht auf sein Gastgeberland Libanon – indes nicht nennen. Er präzisierte aber, dass die Verbindungen wohl nicht bis in die obersten Etagen der japanischen Regierung reichten. 

Schlaglicht auf die japanische Justiz

Mit Details über seinen Alltag in den 130 Tagen im Gefängnis kritisierte Ghosn zudem das japanische Justizsystem heftig. Er erzählte von tagelanger Isolation in einer Zelle ohne Fenster, in der 24 Stunden lang das Licht brannte und die er maximal 30 Minuten täglich verlassen durfte, aber nicht jeden Tag. Zudem wurde er immer wieder und bis zu 8 Stunden lang verhört; ohne Anwalt, ohne Übersetzer. Die Befragungen hätten nicht der Wahrheitssuche gedient. Es sei den Beamten allein darum gegangen, Beweise für seine Schuld zu finden, sagte er. Bei einer Verurteilungsquote von 99,4% gebe es keine Unschulds-, sondern eine Schuldvermutung. 

Für diesen Fakt und die Tatsache, dass bei Verhören oft keine Anwälte anwesend sind, wird Japans Justiz auch international kritisiert. Die Staatsanwaltschaft in Tokio reagierte in der Nacht auf Donnerstag jedoch prompt auf die Vorwürfe und bezeichnete sie als einseitig und inakzeptabel. 

Fusion mit Fiat – «eine verpasste Chance»

In Beirut sprach am Mittwoch nicht nur ein Mann vor der Presse, der sich reinwaschen und seinen Ruf wiederherstellen wollte. Ghosn zeigte auch sein gesundes Selbstbewusstsein und gab zu verstehen, dass er seine Ausbootung als grossen Verlust für die Allianz sieht. So unterstrich er mehrmals seine Verdienste, insbesondere für das Unternehmen Nissan, das einst «im Dreck» steckte und das er wieder zum Blühen gebracht habe. Nun – also erst nach seinem unrühmlichen Abgang – sei die japanisch-französische Allianz nur noch Maskerade. Es gebe keinen Konsens, kein Wachstum und keine Innovation. 

Seine Stimme überschlug sich schliesslich, als er auf die «verpasste Chance» einer Fusion mit Fiat Chrysler zu sprechen kam. Er behauptete, dass er kurz vor seiner Verhaftung im November 2018 in Tokio schon in Verhandlungen mit dem Fiat-Erben John Elkann gestanden habe. Für Januar 2019 sei ein entscheidendes Treffen vorgesehen gewesen. Doch da sass Carlos Ghosn bereits in seiner Einzelzelle im Tokioter Gefängnis Kosuge. Die Fusionsverhandlungen zwischen Renault-Nissan und Fiat Chrysler platzten im Juni; inzwischen hat der französische Konzern PSA einen Zusammenschluss mit dem italienisch-amerikanischen Unternehmen besiegelt. 

Ghosn Ziel war bereits mit der Wahl des Zeitpunkts der Pressekonferenz klar gewesen: Er wollte ein möglichst grosses Publikum ansprechen. Um 15 Uhr lokaler Zeit konnte er auch gut ein Publikum in den USA und in Japan erreichen. Ghosn stellte dabei nicht nur seine Eloquenz, sondern auch seine grosse Sprachkompetenz zur Schau, indem er Fragen von Journalisten auf Französisch, Englisch, Arabisch und Brasilianisch beantwortete. Seine Medienoffensive setzte er mit einer Reihe von Interviews fort. Über seine Pläne hielt sich Ghosn vorerst bedeckt. Er sagte, er sei bereit, längere Zeit in Libanon zu bleiben. Er stünde aber bereit, falls die französische Justiz ihn befragen wolle – oder jene eines anderen Landes, solange der Prozess gerecht sei. Er habe sich nichts vorzuwerfen.

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